Neue Wege in die Ausbildung

Neue Wege in die Ausbildung

Von 2003 – 2006 entwickelt perpetuum novile in Kooperation mit Daimler(damals noch Chrysler) die “Neuen Wege in die Ausbildung”. Jugendliche erhalten die Chance an ihrem “schlechten” Durchschnitt vorbei eine hochwertigen Ausbildungsplatz zu erreichen. Im Folgenden wird erzählt, wie es dazu kam:

Jetzt zeig ich Ihnen, wer ich wirklich bin

Bei DaimlerChrysler in Mannheim. Im Büro Gunther Weidners, des Leiters der Technischen Ausbildung. Vor uns auf dem Tisch liegen verschiedene Leitz-Ordner derselben Bauart. Alle randvoll mit Bewerbungsunterlagen für das kommende Ausbildungsjahr. „Sehen Sie“, erfährt unser Gespräch durch meinen Gastgeber den ersten Anstoß, „hier zum Beispiel: Hauptschulabschluss mit Durchschnittsnote 3,4. Dazu ein formales Bewerbungsschreiben. Ersteres so unerfreulich wie letzteres nichtssagend ist. Und von Beispielen dieser Art quillt der Ordner über. Anfangen aber lässt sich mit keinem etwas. Das einzige, was mir zu tun übrig bleibt, ist, die Absage über das Sekretariat zu veranlassen. – Doch“, fährt er nachdenklich geworden fort, „wenn ich etwas in die Hand bekäme, mit dem der Bewerber mir zeigt, dass er Fähigkeiten besitzt! Irgendein Potential, auf das er mich hinweist. Und das ihn für mich interessant macht. Ich würde ihn sofort einladen. So aber …“ „Was Sie da suchen, heißt Portfolio“, lautet mein kurzer Einstieg in eine längere Ausführung, durch die ich meinen Gesprächspartner auf den Pfad der Tugend hin zu einer bahnbrechenden Alternative zu führen gedenke (und kann mir die Gefühle nicht verkneifen, die einen Aufklärer zwangsläufig dann ereilen, wenn er der Unwissenheit seiner Mitmenschen an einem für sie lebenswichtigen Punkt aufzuhelfen versucht). „Kenn‘ ich“, stellt mein Gegenüber lakonisch fest, nachdem ich geendet habe. „Hat mir ein Waldorfschüler gezeigt.“ „Wie bitte?“ liegt das Erstaunen, das ich meinem Gesprächspartner zu entlocken hoffte, plötzlich ganz auf meiner Seite. Eine Überraschung, in die sich unwillkürlich Erinnerungen mischen an die Ereignisse, die mich bis hierher ins Büro geführt haben.

Vor einigen Wochen nämlich hatte mich Herr Weisschuh, der Leiter des Fachbereichs Ausbildungspolitik, nach Stuttgart, in die Konzernzentrale der DaimlerChrysler AG, eingeladen. Zusammen mit Teamleiterinnen und -leitern der Ausbildungsabteilungen aller Standorte Baden-Württembergs. Dort durfte ich erzählen, was perpetuum novile ist und bislang versucht hat, Neues in die Welt zu bringen. Und anschließend überlegten alle Anwesenden, was der große Weltkonzern und die kleine Existenzgründung gemeinsam unternehmen könnten. Brainstorming nennt man so was. Wenn alle Ideen äußern dürfen und keiner sofort widersprechen darf. Was ich dabei zu hören bekam, gefiel mir. Denn so unterschiedlich DaimlerChrysler und perpetuum novile auch sein mögen, ein Ziel haben beide doch gemeinsam: sie wollen wachsen. So fassten wir an diesem Nachmittag unser erstes Jointventure ins Auge. Und ich wurde eingeladen, mich in Verfolgung dieses Zweckes zunächst einmal in allen Werken umzusehen. Kam als erstes ins Stammwerk nach Mannheim. Dorthin, wo Daimler und Chrysler (pardon!) Daimler und Benz seinerzeit 1926 fusionierten. Der Grund, warum ich – bei aller heutzutage geforderten Flexibilität – diesem Standort treu geblieben bin, war wohl Herr Weidner selbst. Der Manager einer Weltfirma, der mir, seit ich ihn kenne, immer wieder zeigt, was es heißt, sein gegenwärtiges Tun aus der Zukunft zu organisieren (und Erfahrungen, statt in ihnen wie in aufschießendem Gestrüpp hängen zu bleiben, in Aufmerksamkeitspunkte für das eigene Handeln zu verwandeln).

So weit also war ich gekommen. Um hier von meiner Waldorfvergangenheit wieder eingeholt zu werden! „Vor drei Jahren“, hub Herr Weidner an, „hat sich ein Waldorfschüler bei uns beworben. Das machen sie nicht häufig“, fügte er halb feststellend, halb fragend hinzu. “Jedenfalls, nachdem er den Eingangstest absolviert hatte, stand er von seinem Platz auf. Mit den Worten, ich erinnere mich noch genau: „Und das ist alles, was Sie von mir wissen wollen?“ Dabei wies er einigermaßen resigniert auf die Blätter des eben absolvierten Standardtests. Ich beeilte mich, ihm zu versichern, dass er gern mehr von sich zeigen könne. Offensichtlich hatte er meine Bereitschaft bereits im Voraus mit einkalkuliert. Denn in einer Ecke lag ein Rucksack. Er nahm ihn auf, legte ihn ab auf einem Tisch. Und begann dessen Inhalt bedächtig vor mir auszubreiten. Mit Worten, die ich noch genau erinnere: „Jetzt zeige ich Ihnen, wer ich wirklich bin.“ Natürlich sprach er dann über die Entstehung der Arbeiten, seine Bemühungen, seine Fortschritte. Und die Qualität seiner Ergebnisse. So was ist doch Portfolio, oder?“ „ Auch ohne Mappe“, blieb mir nur einzugestehen übrig. „In einem Maße Portfolio, dass man den Eindruck gewinnt, der junge Mann hätte diese Arbeitsweise geradezu erfunden. Wir sollten nur noch dafür sorgen, dass nicht jeder in Zukunft mit Rucksack, Koffer (oder einem Anhänger gar) zur Bewerbung vorfahren muss.“ „Also eine Mappe!“ folgert mein Gesprächspartner. „Aber soviel noch zu diesem Bewerber: Wir haben ihn natürlich genommen. Mit Kusshand. Im ersten Lehrjahr zwar tat er sich etwas schwer. Wohl weil wir ihn unterforderten. Wir übertrugen ihm nicht die Verantwortung, nach der er verlangte. Ab dem zweiten Lehrjahr aber spannten wir ihn mit ein in die Entwicklung neuer Ausbildungsgänge. Von diesem Augenblick an entwickelte er sich blendend.“ Und als wären der Überraschungen an diesem Vormittag noch nicht genug, fügt Herr Weidner hinzu: “Eben vor einer Woche hat er seine Ausbildung mit der Durchschnittsnote 1,5 absolviert. Als Zweitbester von 115.“ Für einen Augenblick bin ich versucht, meinen intensiv gehegten Zweifel an Abschluss und Durchschnitt fallen zu lassen. Doch besinne ich mich noch rechtzeitig auf das, was, veranlasst durch einen Waldorfschüler, aus dem Jointventure zwischen Daimler und perpetuum werden könnte. Und gemeinsam entwickeln Gunther Weidner und ich in der nächsten Stunde in Umrissen ein Projekt, das sich später, im Stadium seiner gültigen Formulierung, so ausnimmt:

‚Schüler der Justus Liebig Schule (Mannheim) erhalten die Möglichkeit der Erkundung des Berufsbildes „Fertigungsmechaniker“ in der Ausbildungsabteilung der Firma Daimler Chrysler in Mannheim. Das im Projektverlauf in den Schritten Dokumentation, Reflexion und Selbstreflexion entstehende Portfolio soll den individuellen Zugang zum Berufsbild aufzeigen und die erreichte ‚Erfahrungstiefe’ spiegeln. Ziel ist die Bewerbung um einen Ausbildungsplatz zum Fertigungsmechaniker bei der Firma DaimlerChrysler unter Berücksichtigung des Portfolios, seiner Vorlage, Präsentation und Bewertung. Das so entstandene ‚Produkt’ kann zum Zwecke der Bewerbung an anderer Stelle von den TeilnehmerInnen weiter bearbeitet und modifiziert werden.

Am schlechten Durchschnitt vorbei zum Ausbildungsplatz…

Am 9. Februar 2004, 6.15 Uhr haben sich 12 Schüler der Justus-von-Liebig-Schule am Tor 1 der Firma Daimler Chrysler AG Mannheim zu ihrem ersten Erkundungstag eingefunden: Schüler des Berufsvorbereitungsjahres. Sie dürfen in den nächsten drei Monaten an diesem und 11 weiteren Tagen in der Lernfabrik und unmittelbar im Produktionsbetrieb den Beruf des Fertigungsmechanikers kennen lernen. Ihr Ziel ist, einen Ausbildungsplatz zu erhalten. Und sie wissen, dass DaimlerChrysler 12 Plätze für sie frei hält. Sie wissen auch, dass keiner von ihnen es auf dem gewöhnlichen Weg der Bewerbung bis hierhin geschafft hätte. Im üblichen Verfahren wären sie alle mit ihrer Durchschnittsnote durchs Raster gefallen. Und von der Schule aus in die drohende Arbeitslosigkeit entlassen worden. Doch als Teilnehmer des Projektes haben sie für die erste Überraschung bereits gesorgt. Sie haben den Eignungstest bei DaimlerChrysler absolviert. Und haben ihn alle bestanden. In den nächsten Monaten werden sie zeigen, was sonst noch in ihnen steckt. An zwölf ausgesuchten Stationen dürfen sie ihren Wunschberuf praktisch erkunden. Vier Azubis des zweiten Lehrjahres begleiten sie dabei. Sie schlüpfen in die Rolle der Ausbilder, um so ‚by teaching‘ anzuwenden, was sie auf ihrem bisherigen Ausbildungsweg gelernt haben. Am 5. Mai sollen die Ergebnisse präsentiert werden. Alle Schüler legen dann eine Bewerbungsmappe vor, die den individuellen Zugang zum Berufsbild aufzeigen und die erreichte ‚Erfahrungstiefe‘ widerspiegelt. Die dafür verwendeten Materialien werden dem Beruf selbst entnommen. Also Schrauben und Drähte. Und am Ende eine Mappe aus Blech! Man soll der Sache von außen bereits ansehen, was in ihr steckt. Schließlich hat Herr Weidner den Teilnehmern am Starttag des Projekts mit auf den Weg gegeben:„Wer mir am Ende eine Mappe vorlegt, die in der Art, wie sie gestaltet ist, zeigt, dass er sich mit dem Beruf kreativ auseinandergesetzt hat, den nehme ich sofort.“

Doch beginnt die Bewerbung um einen Ausbildungsplatz eigentlich schon an diesem Montag. Das wissen die 12 Schüler vor dem Tor 1 der Firma DaimlerChrysler in Mannheim. Und die Meister im Betrieb, die Ausbilder, auch die Azubis werden in den nächsten Wochen reichlich Gelegenheit haben, sie kennen zu lernen. Und zu prüfen. Doch haben auch sie reichlich Gelegenheit zu zeigen, was in ihnen steckt. Und sie sind entschlossen, diese Chance zu nützen.

Bloß ein Bluff

Dachten wir jedenfalls zu Beginn. Doch die Wirklichkeit war wieder einmal komplexer, als wir sie zu projektieren uns bemüht hatten. Schließlich hatten wir uns mit Schülern aus dem Berufsvorbereitungsjahr die denkbar schwierigste Klientel für unser Experiment ausgesucht. Mit abgebrochener Schullaufbahn die einen, abgebrochener Lehre die anderen. Und nicht wenigen darunter mit einer Einstellung, die in diesem zarten Alter überraschen mag: eigentlich nichts mehr vom Leben zu erwarten. Nichts jedenfalls, was die Entwicklung der eigenen Biographie befördern könnte. So äußerten sich einige Teilnehmer noch nach Abschluss des Projektes, dass sie alles schlichtweg für einen Bluff gehalten hatten. Keiner, redeten sie sich ein (und hielten zäh daran fest bis zuletzt) würde je einen Platz beim Daimler bekommen. Illusion pur das alles. (Auch wenn man ganz offensichtlich einigen Aufwand betrieb, sie ihnen vorzugaukeln.) So schafften es schlussendlich nur acht von zwölf bis zum Zieltag der Präsentation. Einer weigerte sich verbissen, mit seiner Mappe vor Publikum aufzutreten und zu sprechen. Ein Jugendlicher aus Litauen, wie überhaupt die Teilnehmergruppe eine eher migrantische als deutsche Zusammensetzung aufwies. Die restlichen Sieben boten eine überraschende Leistung. Und konnten neben der unverzichtbaren Power-Point-Präsentation ihre Persönlichkeit behaupten. Mit Hilfe ihrer Erfahrungen, einiger Werkstücke und, nicht zuletzt, durch ihre Mappe aus Blech. Drei Schüler erhielten direkt im Anschluss eine Ausbildungsplatzzusage, ein vierter über die Warteliste im Herbst. – Zugegeben, ein bescheidener Anfang für das Prinzip, den Weg von der Schule in den Beruf individuell zu gestalten. Doch haben alle, die beteiligt waren (oder davon hörten) neben den quantitativen auch noch andere Kriterien angelegt. Die „Neuen Wege in die Ausbildung“, wie das Projekt seitdem heißt, wurde rundum als Erfolg gewertet. Und erntete zuletzt – bei einer Betriebsversammlung im Hause von Daimler und Benz in Mannheim – den Applaus der gesamten Belegschaft.

In 2006-2007 wird das Projekt in Kooperation mit den Wirtschaftsjunioren in Karlsruhe durchgeführt.

Die Dokumentation zum Projekt können Sie bestellen über: perpetuum.novile@t-online.de